Ein mass­geschnei­dertes Logo für CHF 200, gibt es das?

Warum soll ich zusammen mit einem Gestalter ein Logo für meine Firma entwickeln, wenn ich Logos online für 200 Franken shoppen kann? Das fragen sich wohl viele, wenn sie online günstige Angebote entdecken. Die Antwort lautet: Es kommt ganz darauf an, was Ihre Ansprüche sind.

Um es vorweg zu nehmen: Ein generisches Logo zum Schleuderpreis kann ganz OK sein, wenn Sie ein Startup sind. Denn irgendwo muss man ja mal anfangen, wenn man kein riesiges Budget hat. Je erfolgreicher Sie aber werden, desto wichtiger wird ein professionelles Corporate Design. Ein zentraler Bestandteil davon ist ein einprägsames Logo, das Ihrem Unternehmen auf den Leib geschneidert ist. Und das gibt es nicht zum Schleuderpreis. Aber weshalb eigentlich nicht?

Die Gestaltung eines Logos ist kein geradliniger Prozess, sondern ein Ping-Pong mit dem Kunden oder der Kundin. In der Regel sind vier Gestaltungsrunden nötig. Es ist ein Ausprobieren, Verwerfen, Wiederaufnehmen und Ausloten von visuellen Ideen, immer im Austausch mit dem Kunden. Je besser ich einen Auftraggeber kenne, desto einfacher ist es für mich, etwas zu gestalten, das zum Kunden oder zum Projekt passt. Und das ist wiederum der entscheidende Punkt, damit sich der Kunde mit dem Logo identifiziert.

Ein gutes Logo hat hohe Ansprüche zu erfüllen. Es soll die Organisation repräsentieren und etwas vom Geist der Unternehmung vermitteln. Die Marke, die Persönlichkeit dahinter, die Art des Angebots, die Zielgruppen und das Konkurrenzumfeld – alles hat einen Einfluss auf die Gestaltung.

Am Beispiel des Logos der Bohemian Manufactory zeige ich auf, wie ein Gestaltungsprozess ablaufen kann. Die Bohemian Manufactory ist ein inspirierender Raum für kulinarische, kulturelle und künstlerische Projekte. Eine gesonderte Sparte sind Feinkostprodukte aus eigener Herstellung.

1. Erste Ideen und Skizzen

Ausgangspunkt für diesen Auftrag ist der Name. Mir schwebt ein Logo vor, das die Leidenschaft, die im Wort «Bohemian» steckt, mit dem Handwerk der «Manufactory» verbindet. Erste Skizzen mache ich immer mit Bleistift auf Papier. Die direkte Verbindung von Hirn zu Hand und Stift ist unmittelbar und funktioniert überall, auch ohne Strom. Entdecke ich in den Skizzen etwas mit Potential, versuche ich es weiterzuentwickeln.

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2. Ausarbeitung der ersten Entwürfe für den Kunden

In diesem Fall finde ich ein Monogramm der Buchstaben B und M vielversprechend. Im Wort «Manufactory»/«Manufaktur» schwingt etwas Mittelalterliches mit, daher nehme ich eine Schreibfeder zur Hand und schreibe mit verdünnter Zeichentusche ein paar Varianten des Monogramms, bis ich eine Version habe, die einigermassen passabel ist.

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In einem zweiten Schritt fotografiere ich die handgeschriebene Version ab und zeichne sie in einem Vektorprogramm auf dem Computer nach. Der Schritt ins Digitale ermöglicht es mir, die Buchstaben weiter zu optimieren. Ein erster Ausdruck des Gezeichneten überzeugt mich noch nicht. Die dekorativen Linien, die dem Monogramm einen «Boden» geben sollten, sind irgendwie zu verspielt. In der Diskussion mit dem Kunden entsteht die Idee, das Gründungsjahr der Firma dem Logo hinzuzufügen und zwar auf englisch: «Established 2010». Perfekt. Das gibt dem Logo eine Basis und dem Betrachter mehr Informationen.

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Das Monogramm schwebt für mein Empfinden trotzdem etwas verloren im Raum. In einem dritten Schritt experimentiere mit verschiedenen Grundformen sowie mit Text als Einfassung.

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3. Detailgestaltung nach Feedback vom Kunden

Beim weissen Monogramm auf schwarzem Grund zeigt sich, dass die Innenflächen der Buchstaben zu unausgeglichen und die Auf- und Abstriche sowie die Bögen zu unausgewogen und etwas dünn sind. Ich optimiere also die Vektorkurven noch etwas:

Ich zeige die Entwürfe dem Kunden. Ihm gefällt die Idee des Monogramms, er findet aber auch, dass es visuell noch zu wenig knallt. Wir einigen uns, dass das Logo negativ auf einer Grundfläche stehen soll. Der Kunde hat dann die Idee, als Grundfläche nicht einen Kreis, sondern ein leichtes Oval zu nehmen. Ich mache ein paar Versuche mit verschiedenen Breiten-und Höhenverhältnissen. Schliesslich entpuppt sich ein Verhältnis von 5,5:6 als die eleganteste Lösung.

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Dem Kunden und mir war von Anfang an klar, dass Rot die Hausfarbe der Bohemian Manufactory sein wird. Eine Farbe, die auch die Leidenschaft des Projektgründers perfekt repräsentiert. Wir einigen uns rasch auf ein sattes Schweizerfahnenrot, (100 % Magenta und 100 % Gelb), das wir mit 10 % Cyan und 5 % Schwarz etwas abdunkeln. So entsteht ein tiefes, sinnliches Rot, passend zum Projekt.

4. Reinzeichnung und Ausarbeiten von Gestaltungsrichtlinien

Nun heisst es in der letzten Gestaltungsrunde das Logo auf verschiedene Darstellungsgrössen zu testen, d. h. kann man z. B. «EST. 2010» bei einer Logogrösse von 10 mm noch lesen? Buchstaben und Strichstärken passe ich noch etwas an. Zum Schluss definiere ich die Farben für Bildschirm und Druckdarstellung, damit es online und im Print einheitlich wirkt. Zudem erstelle ich einige grundlgende Gestaltungsrichtlinien, damit das Logo trotz unterschiedlicher Anwendungen einfach wiedererkannt wird.

Nach vier Überarbeitungsrunden und drei Besprechungen ist für die Bohemian Manufactory ein Logo entstanden, das die Leidenschaft und Vision des Gründers visuell transportiert. Zudem eines, das auf allen Medien und in allen Anwendungen funktioniert. Da wette ich, dass das kein Logo für 200 Franken kann!

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